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Musizieren – Gibt es „richtige“ oder „falsche“ Musik? Musizieren – auch ohne „Musikgrammatik“ – ohne Noten möglich?

Musizierende sind Künstler

Für mich ist jeder, der Musik macht, ich meine eher ehrlich aus Freude und Lebensgefühl und durch Ausdruck seiner Gefühle – nicht die Menschenrechte verletzend – ein wahrer Künstler, der als solcher auch gewürdigt werden muss, egal ob er mit viel oder weniger Fleiß, mit angeborenem Talent oder weniger Talent, mit hohem oder niedrigem Intelligenzquotienten, „normal“ oder „behindert“ sein Instrument, seine Stimme und seine Musik lieb gewonnen hat und mit Musik sich selbst oder sich einer Zuhörerschaft präsentiert. Da gibt es auch keine richtige oder falsche Musik. Die (fast) einzige Ausnahme erscheint mir zu sein, wenn der Musizierende mit seiner Musik gegen Menschenrechte verstößt, sei es z.B. durch Gewalt, Hass und den Krieg verherrlichende (rechts-populistisch, nekrophil, suizidal…) oder durch fundamental-religiöse Texte. Manchmal kann experimentelle, elektronische Musik an die Grenzen der noch gerade erträglichen Rezeption geraten, auch darüber hinaus. Es bliebe dann zwar noch Musik, aber schwierig, daran zu denken.  Wäre sie dann die „falsche“ Musik, menschenverachtende Musik ausnahmsweise?

Der spanische Gitarrist Paco de Lucia wurde am Anfang seiner großen Karriere von traditionellen Flamenco-Musikern und Zuhörern kritisiert, weil er Flamenco nicht „richtig“ spielte. Nein, er hatte eine neue Form von Flamenco erschaffen, nämlich seine, die sich inzwischen außerordentlich beliebt darstellt, somit fest etablierte. Traditionsblindheit oder Stilbewußtsein ohne Kompromiß, Gedankenfaulheit, Neid oder Eifersucht, Konvention statt Fortschritt oder feudal-aristrokratische Haltungen, das alles und viel mehr behindert, dass etliche Musizierende nicht genügend Beachtung finden, weil sie etwa von „unten“, von der „Seite“, von lokal-geographisch neutral „links oder rechts“ kommen, am wenigsten dem Konservativen blindlings folgen. Abneigungen gegenüber denen, die auf der „Überholspur“ sind, werden leicht vorschnell gezeigt. Eine Frage kann sein: Spielt jeder große Interpret Werke von Mozart, Bach, Beethoven oder anderer Komponisten „richtig“? Klar spielt er sie „richtig“. Auch wenn Note für Note, z. B. Tempo, Rhythmus und alle anderen Vorgaben der Komponisten identisch sind mit dem, was er zu Papier brachte, dann ist der Vortrag des Interpreten auch dann noch „richtig“, wenn er seine ganz eigene Interpretation vorstellt, die von einem anderen Interpreten abweicht. „Sein“ Werk ist „sein“ Vortrag, immer „richtig“. Denken wir an den Pianisten Jacques Loussier, er veränderte Bach hin zum Jazz und erntete zunächst viel Kritik, so könne man Bach nicht „verhunzen“ (Kritiker in den 60-iger Jahren), hieß es. Seine Musik ist „richtig“, auch wenn sie noten-gerecht gespielt wurde, doch rhythmisch völlig verändert wurde. Bach kannte den Swing nicht.

 

Am Beispiel „Panflöte“

 

Ich möchte auf die Geschichte des Musikinstruments Panflöte verweisen. Dieses Instrument ist auf verschiedenen Erdteilen unabhängig voneinander entstanden wie in Ozeanien (Südsee), in Asien, Südamerika und in Europa. Das Wort Pan (Hirtengott Pan) kommt aus dem Griechischen und ist schon eine „Benachteiligung“ für Länder außerhalb Europas, deren „Panflöten“ in Südamerika z. B. „Siku“ oder „Zampoña“ (oder noch viele andere Wörter) heißen, in Rumänien „Nai“ und andere Bezeichnungen, während dann wieder in Polen die Rede ist von „Fletnia Pana“, oder in der Ukraine „Fleita Pana“ und Englisch: „panflute“ oder „panpipes“. Die europäische Panflöte heißt in Südamerika „Flauta de Pan“, aber sie ist dort nicht „die“ Panflöte schlechthin.

Sehr viele rumänische Panflötenspieler sehen sich in der Musikgeschichte der Panflöten offenbar vom künstlerischen Niveau der Spielweise, der Virtuosität und des musikalischen Vortrags in der Welt auf der höchsten Ebene. Man kann nicht leugnen, dass aus markt-strategischen Gründen und der erfolgreich publikumswirksamen Spielweise des Instruments viele rumänische Panflötenspieler es geschafft haben, sich ganz bedeutend global auf der Welt zu behaupten. Unumstritten ist auch das hohe Niveau mit der intensiven Auseinandersetzung des Musikinstruments Panflöte an Musikhochschulen oder am Konservatorium in Rumänien. Doch neigen hin und wieder Leute dazu, Rumänien als „auserwählt“ in Puncto Panflöte zu betrachten, ohne etwaige esoterische oder mono- oder polytheistische religiöse Orientierungen zu meinen. Panflötenmusik in Rumänien spielt und hört man auch in den Karpaten. Dieses Gebirge teilen sich die Rumänen mit den Ukrainern. Dort in der Ukraine sind auch „erstklassige“ Panflötenspieler zu hause. Das Konservatorium in Lemberg (Lwiw) hat hervorragende Panflötenspieler (Meron und andere), auch am Konservatorium in Kiew mangelt es nicht an ausgezeichneten Panflötenspielern. Frage: Hat politisch gesehen der rumänisch-kommunistische Sonderweg unter dem Diktator Nicolae Ceaucescu den „Planflöten-Export“ ermöglicht durch lockere Ausreise in den Westen? Und die Ukraine als Sowjet-Republik nicht? Es bleibt hier eine Frage. Wenn Rumänen es verstanden haben (besonders Zamfir), sich mit der Panflöte international berühmt zu machen, so haben viele es nicht überwiegend mit der rumänischen Musik geschafft, sondern mit Interpretationen von Werken der Klassik nicht-rumänischer Komponisten. Eine der Ausnahmen ist vermutlich die rumänische „Doina“. Der Welterfolg „Der einsame Hirte“ wird fast ausschließlich mit Charakter von Popmusik (Schlagzeug, Elektrobass u. a.) zu hören sein, auf CD`s oder in Konzerten, vor Jahren besonders bei James Last. Der Popmusikcharakter ist nicht authentisch rumänisch, eher angloamerikanischen Ursprungs. Viele Weihnachtslieder erklingen im Dezember Jahr für Jahr gespielt mit Panflöten, fast alle Weihnachtslieder sind nicht rumänisch.

Unbestritten ist, dass die rumänischen Panflötenspieler eine besondere Spieltechnik entwickelt haben, die besonders im Westen als nachahmenswert gilt. So stellen aber leider auch viele Panflötenspieler der „rumänischen Spielweise“ (Nachahmer) diese Spielweise als die „richtige“ Spielweise dar. Will man sich vom Rest abheben? Ignoriert man andere Techniken? Hinzu kommt, dass viele Panflöterspieler auch oder ausschließlich als Privatmusiklehrer agieren und inzwischen mit Hilfe ausführlicher „Musikgrammatik“, nämlich optisch durch Noten, Schülern zum Panflötenspiel verhelfen möchten. Musikstil-gerecht? Es wird behauptet, man könne das Instrument gar nicht „beherrschen“, wenn man es nicht durch korrekten Unterricht erlernt habe. Ist das richtig, oder sagt das jeder Privatmusiklehrer einfach so, um generell nicht sein Brot-Erwerb in frage zu stellen?

 

Auf jeden Fall ist das ein Schlag in Gesicht der Anhänger und Praktizierer des autodidaktischen Lernens, „learning by doing“, lernen durch probieren, Schritt für Schritt durch Selbstentdecken.

 

Völlig anders ist das mit den Panflötenspielern in der Fußgängerzone und in vielen Konzerten ihrer Art. Ich meine die vielen südamerikanischen bunt gekleideten Musiker, viele aus Peru, aus Bolivien, Argentinien oder Chile. Neben anderen Instrumenten spielen auch sie Panflöten (Sikus oder Zampoñas – sprich Zamponnias). Aber in der Bauweise und Spielart gibt es große Unterschiede zu „rumänischen Panflöten“. Dazu kommt, dass die Musiker fast nur authentische Musik aus ihrer Heimat spielen, aus dem großen Anden-Gebirge Südamerikas, immer gruppendynamisch als Team, kaum einer wohl als Solist hervorgetreten, dann in folkloristischen Ponchos, dazu oft tanzend während des Spielens. Und diese Musik ist sehr beliebt. Die meisten erlernten das Instrument vom Vater, fast immer ohne Noten, autodidaktisch durch „learning by doing“. Man probiert es, ist glücklich über die kleinsten und größten Erfolge, und im Team „wärmt“ noch die Geborgenheit das Ambiente, als wäre es familiär. Unter den Musikschaffenden in Deutschland (Nachahmer oder Neuschaffende) ist das Interesse des Erlernens der Panflöte immer noch relativ gering, allerdings viel geringer als an der südamerikanischen. Dem Klavier oder der Gitarre zu konkurrieren? Daran ist nicht zu denken. Dann kommt schon mal die Äußerung, die südamerikanische Panflöte sei nicht die „richtige“ Panflöte.

Auch von der Seite der „rumänisch“ spielenden Panflötenspielern wird schon mal leicht nach „unten herabgeblickt“ auf die südamerikanische Panflöte und deren Spieler. Große Ausnahme ist der argentinische Kena- (Quena-) und Panflötenspieler Uña Ramos, der mit der Anden-Volksweise „El Condor Pasa“ durch Hilfe vom Amerikaner Paul Simon weltberühmt wurde und noch heute um die Welt reist in Sachen südamerikanischer Panflöten und der Kena. Es kann schon mal sein, dass der eine oder andere aus dem „Revier der rumänischen Panflöten Anhängern“ Uña Ramos kennt.

Das Metier der Panflötenkonzerte in Konzertsälen mit klassischem Inhalt in Deutschland beherrscht die Panflöte „rumänischer“ Art. Dort werden Verträge gemacht, es wird verdient, Gagen fließen, Honorar für die Panflötenspieler (z.B. G. Zamfir, U. Herkenhoff oder M. Schlubeck, P. Weekers) und die GEMA, und die Straße ist immer noch in den Händen der Südamerikaner, die Gage ist das “Trinkgeld“, eingesammelt oder per Ablage im Instrumentenkoffer, bei Sonnenschein oder Regen, allerdings mächtig abgeflaut oder in die neue EU-Mitgliederstaaten im Osten abgewandert. Durch die EU-Erweiterung kommen allerdings auch immer häufiger Musiker aus den neuen östlichen EU-Nachbarn in den Westen. Im TV sieht man ab und zu auch mal Edward Simoni, Daniela de Santos oder D. Dragomir, dann im Bereich der Popularmusik. Aber Solidarität unter allen Panflötenspielern wird nicht zu erreichen sein, solange man sich nicht von traditionellen Denkstrukturen verabschiedet. Es sollte doch einmal einen Veranstalter geben, der eine Konzertreise (Festival ?) mit vielen Panflötenspielern zusammenstellt, auch unter Teilnahme von Panflötenspielern aus der Südsee, aus Thailand und Vietnam, aus Japan und China und sonst woher zu den vorher schon genannten. Es gibt Festivals der Harfen, der Blechbläser, Dudelsackspieler, wo es Nationalinstrument ist (Irland, Schottland, Nordspanien, Nordfrankreich) oder Festivals der Chöre, wäre machbar, wenn man nur wollte. Warum nicht Festival aller Panflötenspieler der Welt?

Ist der Musiker ohne Notenkenntnisse oder Anwendung von Noten noch zu retten?

Ja! zum Mutmachen!

Wenn ein „Nicht-Notist“ – ein Musizierender ohne Notenkenntnisse oder ohne Anwendung des herkömmlichen Notensystems – mit einem studierten Musiker diskutiert oder mit einem, der musiziert ausschließlich per Notensystem und herausstellt, dass Musizieren auch ohne Notenanwendung bestens funktionieren kann, kann es schon mal vorkommen, dass das an Majestätsbeleidigung grenzt. Denn so mancher Notist kann sich sein Musizieren nicht anders vorstellen, ohne zusätzlich mit seinem Auge Musik zu machen. Dieser Musiker „klammert“ sich mit dem Auge an das Notenbild und setzt es um per Gehirnleistung in Musik, eigentlich umständlich, aber verständlich, wenn er einen Auftraggeber hat, der ihm dessen Auftrag (sein Musikwerk) übermitteln will. Wie denn sonst? Ja, mit einem guten Gehör, ausgezeichneter Nachahmungsfähigkeit und perfektem Gedächtnis lässt sich wohl auch der optische Übergangskanal umgehen. Blinde Sänger schaffen das glänzend, weil sie es gelernt haben zu „schaffen“, abgesehen von einer vermutlich noch hochqualifizierten Begabung (der italienische Opernsänger Andrea Bocelli oder die amerikanischen Pop- und Soulsänger Ray Charles und Stevie Wonder, sowie der Puertoricaner Josè Feliciano und viele andere).

Wenn man als Kleinkind von frühester Kindheit an erlernt hat, sich zum Beispiel von einer „chaos-artigen“ Klimpertechnik einer disharmonischen Melodie-, Ton- oder Geräuschkulisse zu einer harmonischeren Musik auf dem Klavier hat durchringen können und die Klaviatur „er-tastet“ und dann die Tastatur „be-griffen“ hat, dann eröffnet sich ein Feld wenig begrenzter oder unbegrenzter Möglichkeiten. Natürlich müssten das die Eltern „mitspielen“, nicht auf dem Klavier, sondern in ihrem Herzen und ihrem Mitgefühl, mit Geduld und dem Ertragen des „ruhestörenden Lärms“ (heute kein Problem, das Klavier kann durch das Keyboard per Kopfhörer ersetzt werden). Doch viele Eltern machen hier entscheidende (Fehl-) Einschnitte in der Entwicklung des entdeckenden Lernens von Musiktechniken oder des Musikgeschmacks. Sobald einige, nicht wenige, merken, dass ihr Kleinkind doch eine Begabung zeigt, schreiten sie korrigierend ein. Der Finger wird zur Seite gedrückt, eine andere Taste gedrückt: „Spiel doch lieber diese Taste, das klingt besser“. Das Kind wehrt sich zunächst und wird schließlich nachgeben, weil es wohl die Schwäche spürt, sich durchzusetzen. Natürlich will es auch geliebt werden.

Hier wird das Fundament der ersten großen „Indoktrination“ im Bereich Musik durch Eltern gesetzt, auch im atheistischen Hause. Ich spreche bewusst von Indoktrination, was zwar am häufigsten im Kontext von religiöser Erziehung gebraucht wird. „Doctrina – „Belehrung“ bedeutet die gezielte Manipulation von Menschen … um ideologische Absichten durchzusetzen … Indoktrination stellt eine Methode dar, um bestimmte Ziele zu erreichen“ (vgl. im Internet unter Wikipedia). Mit einem Klavierlehrer wird gelockt, der dann auch die ersten Ansätze zu einem erst einmal fremdbestimmten Musizieren vollbringt.

Im außerschulischen Bereich wird wieder einmal „verschult“: Es wird langsam das geübt, was Erwachsene wollen: nämlich schreckliche Fingerübungen, Tonleiter rauf und runter, was ja den Eindruck erweckt, dass es sich nicht mehr um Musik handelt, sondern um die Technik des Erlernens eines Instrumentes, so wie der Kfz-Mechaniker lernte, den Schraubenschlüssel richtig zu drehen. Das Kind oder meistens die Tochter aus dem (meistens guten) Hause erfährt noch ganz andere Dinge, die als „Musizieren“ deklariert wird. Mit Hilfe der Notenkunde wird das Mädchen an Musikstücke herangeführt (heran-ver-führt?), die es selbst nicht kreiert hat, nicht komponiert, nicht geschaffen oder nicht erträumt hat, vielleicht nie oder ganz bestimmt nicht. Es kann sich zwar mit dem Musikstück wohl doch identifizieren, kann sich in dieses verlieben, kann viele innere emotionale Zusammenhänge damit verbinden, kann es jedoch auch ablehnen oder einfach schrecklich finden, wenn nicht hassen.

Heute, immer noch in gut (spieß) bürgerlichen Familien (Sorry!) kommt es vor, dass dann zu feierlichen Anlässen das Mädchen das vom Klavierlehrer Gelernte einer Zuhörerschaft vortragen kann, darf, soll oder muss. Dabei sind diese Muster offenbar dem (aristrokratischen) Bürgertum angelehnt. Nehmen wir an, das Kleinkind hätte sich durchsetzen können mit einer Begabung zum Handwerklichen und Künstlerischen, die Eltern hätten es nicht behindert beim Klimpern. Es könnte sich im Improvisationsbereich gut entwickeln, entdecken, was es zu entdecken gäbe, vielleicht pentatonische Klänge, Klänge hin zum Jazz, zum Blues oder zur experimentellen Musik, alles ohne die optische Fixierung auf das Notenblatt, losgelöst von Einschränkungen, so könnte dieses Kind vielleicht auch eines Tages den Minutenwalzer von Chopin spielen. Denn es könnte eines Tages entdecken, dass eine Notenfixierung nur ein Hilfsmittel wäre, um dem Gedächtnis zu helfen, den Weg eines Musikstückes zu verfolgen.
Dieses Kind erführe nicht die Notation und die Musikgrammatik als Voraussetzung, um Musik zu machen, sondern als Beiwerk der eventuellen Hilfe. Dieses Kind, später Jugendliche(r) würde auch merken, dass man jede Musik nicht aufschreiben kann, schon gar nicht die, die mit sogenannten Klangteppichen arbeitet. Musik im meditativen oder im experimentellen Bereich läßt sich gar nicht mehr mit herkömmlicher Notation optisch fixieren, eher mit dem Computer mit Hilfe bestimmter Softwares. Synthesizer z. B. können elektronische Klänge hörbar machen, wo das herkömmliche Notensystem nicht mehr genügt, es zu schreiben, optisch sichtbar zu machen, um es dann noch einmal zu kopieren. Das wird auch wohl der Grund sein, dass die GEMA (Gesellschaft, die Urheberrechte im Bereich Musik schützt) keine Partituren mehr verlangt von dieser Art Musik. Die der GEMA eingereichte CD dieser Art von Musik stellt das Unikat dar, wie sollte eine Partitur geschrieben sein? So hat schon die größte deutsche Gesellschaft für Urheberrechte und deren Schutz durch Rechtsbeistand bei Kopie oder Diebstahl erkannt, dass man mit der Notation an Grenzen gestoßen ist.

 

Was wäre mit den Trommlern? Würde sie nicht das Ablesen eines Notenbildes unfähig machen, ihren Part zu trommeln? Stellen wir uns mal den Gitarristen Carlos Santana vor, wenn er seine Improvisationen vom Blatt ablesen sollte, wie wäre es mit Al di Meola beim virtuosen Gitarrenspiel während seiner Improvisationen? Jimmy Smith auf der Hammondorgel? Können wir uns einen indischen Sitarspieler vorstellen, Noten zu lesen, der sich in Meditation spielt, indem er das virtuose Spiel in ungeheurige Schnelligkeit verwandelt?

Der Querflötist Paul Horn hat sich eine Nacht in der Cheops-Pyramide (mit Sondergenehmigung ägyptischer Behörden) einschließen lassen und mit einem Akku beladenen Aufnahmegerät seine Querflöten-Klänge aufnehmen lassen. Seine Spielweise war manchmal so orientiert, dass er seine Melodieläufe auf die Widerhall-Länge (meistens 12 sec) des Saales der Könige orientierte. So klang die Querflöte an machen Stellen polyphon, und diese Mehrstimmigkeit lässt sich vorher und auch nicht nachher schriftlich fixieren. Er kann diese Technik nur in dieser reale Spielweise erreichen durch ein ganz feines Hören. Und seine lokale Position der Querflöte (Frage nach dem Echo) ist auch entscheidend, wie reagiert werden muss.

Es gibt Millionen wenn nicht Milliarden von Menschen, die glücklich Musik machen, singen oder mit welchen Musikinstrumenten auch immer, die nie im Leben eine Note gesehen haben. Es gibt Millionen von Menschen, die Musik als Austausch von Gefühlen und Stimmungen verstehen, ohne aufeinander neidisch zu sein, nicht dem einen oder anderen vorwerfen, wie schlecht er Musik mache, weil er keine Noten könne.

Kann man Musizieren vergleichen mit Sprachen erlernen? Die Welt kennt Milliarden von Menschen, die eine oder mehrere Sprachen gelernt haben, ohne die Grammatik zu kennen. Sie haben die Sprache erlernt als Ausdrucksmittel, Informationen zu geben, zu erhalten, schöne, liebe Worte zu sagen, mit Hilfe dieser Sprache sich mitzuteilen, durchaus auch im kunstvollen, ästhetischen Rahmen. Was will die Musik mehr? So ist es schön, zum Beispiel seinem eigenen oder einem anderem Kind in der Sprache zuzuhören, und es ist Ästhetik, also Schönheit, genau wie in der Musik. Ist das nicht auch Musik? Die Sprachen-Grammatik kann ein Hilfsmittel sein, muss aber nicht, sie kann aber auch hinderlich sein. Genauso ist es in der Musik und natürlich auch in anderen Künsten ähnlich.

Nebenbei: Wie ist es mit Amsel. Drossel, Fink und Star? Vögel sind vorzügliche Sänger. Und die Evolution hat auch uns Menschen mit einer Gesangsfähigkeit begünstigt. Sie kann erweitert werden, muss aber nicht mit Schriftzeichen und musikanalytischer Verschulung erfolgen. Haben Sie einmal die wunderbaren Gesänge der kleinwüchsigen Pygmäen Afrikas gehört? (siehe erste CD von „Deep Forest“ oder Mediotheken in UNI`s). Vermutlich wäre auch Anna Netrebko fasziniert davon, wenn sie es nicht schon ist.

Ich denke, dass mehr als 90% aller Musikschaffenden (musizierenden Menschen) in der Welt keine Noten kennen oder benutzen, um zu musizieren. Sie haben zwar ihre Techniken, kennen die Begrenztheiten ihrer Stimme oder Instrumente, oder kennen diese nicht, benutzen ihre Techniken, die ausreichen, dass auszudrücken, was ihnen am Herzen liegt: die traurigen oder melancholischen Stimmungen mit ihrem Musizieren zu ertragen oder die fröhlichen, liebevollen und herzlichen zu verschönern, zu beseelen. Bestimmt sind auch die 90% aller Musikschaffenden (musizierenden Menschen) keine Profis, die ihr Broterwerb durch Musizieren tätigen, für sie ist Musik nur eine Kunst unter vielen und nicht die Kunst überhaupt.

 

Was ist das: musikalischer Analphabet?

Das Wort ist negativ besetzt und meint wohl Unfähigkeit

 

Mit der Überheblichkeit so vieler Berufsmusiker, einfach zu behaupten, wer Musik schaffe, müsse die Musikgrammatik (Noten usw.) beherrschen und anwenden – das trifft beim Jazz (Blues) schon mal nicht zu, (siehe auch GEMA) -, denn wenn er es nicht täte, sei er ein musikalischer Analphabet, mit dieser überheblichen Aussage werden Milliarden Musikschaffende oder Musizierende nicht nur diskriminiert, sondern menschenunwürdig verachtet. Das Wort Analphabet drückt etwas Unvollkommenes aus.

Was ist mit den Milliarden Menschen in Nordamerika, Lateinamerika, in Afrika, in Indien oder China oder noch in vielen Teilen Europas oder Asiens? Sie pfeifen vor Fröhlichkeit, singen Sklavenlieder mit Refrains, um vor ihren Ausbeutern nicht tot umzufallen, singen in Afrika bei Beerdigungen ihrer an Aids gestorbenen Kindern wehleidige Lieder, praktizieren Sprechgesänge in Religionen, verständigen sich durch Gesang während der Jagd (Pygmäen in Afrika), sangen Schlaflieder im Warschauer Ghetto und singen diese heute überall woanders in der Welt, Menschen trommeln sich gesund oder erhalten ihre Gesundheit damit.

Alle diese Menschen sind keine musikalischen Unvollkommenen, sie kennen schon die Sprache, „ihr Alphabet“ der Musik, die einfache Sprache der Musik und brauchen nicht den Umweg der Verschulung über Lektionen zu gehen. Fairerweise muss gesagt werden, dass es sich bei dem zuletzt erwähnten Musizieren im allgemeinen nicht (immer) um große konzertante Musik handelt, verbunden vielleicht mit herausragenden Fertigkeiten der Stimme oder den Musikinstrumenten. Aber trotzdem mit dem Vermögen, Faszination oder Verzauberung zu bewirken.

Exkurs: Hatte der Rattenfänger von Hameln eine musikalische Ausbildung auf der Flöte? Er spielte zumindest seine Melodien auswendig! Ohne Mini-Notenständer festgeklemmt an der Flöte, wie häufig Schützenfest-Musikanten es tun. Ende des Exkurses.

Doch diejenigen, die vielleicht ein höheres Niveau der musikalischen Darbietung nachvollziehen wollen, sollen oder müssen (beispielsweise durch Partitur im Orchester gebunden an die Vorgaben), die noch die reiche Komplexität einer Partitur der Komposition mit schwieriger Virtuosität auf hohem Niveau erstreben wollen, die müssen schon auf ganz subtile Hilfsmittel wie Notation, Computerdarstellungen oder andere optischen Schreibweisen zurückgreifen, eben auf die Partitur. Grenzen sind oben beschrieben worden. Es wird fast genau 1:1 die Komposition des Urhebers imitiert oder interpretiert. Allerdings ist die Interpretation, wie das lateinische Wort es sagt, ein Medium zwischen dem Sender, dem Komponisten und den Zuhören als Rezipienten. Dieses Medium erhält eine eigene musikalische Dynamik, einen bestimmten Stil, eine bestimmte musikalische Färbung.

Wenn man unter berühmten Violinisten bleibt, so ist es schon ein Unterschied, ob Sophie Mutter, Vanessa Mae, Yehudi Menuhin, David Oistrach oder Nigel Kennedy das selbe Werk eines Komponisten vortragen. So fällt die Interpretation durch Notationsgebrauch nie 1:1 aus. Klangfarbe, Länge oder Schnelligkeit des Vibrierens vom „Sound“ wird wohl vermutlich nicht vom Notenblatt abgelesen werden können. Warum auch? Ist das die verbliebene Freiheit der Ich-Selbstdarstellung, die der Star-Interpret behält im „Korsett“ oder der „blühenden Oase“ der Partitur als Notenbild?

Der italienische Hauswandmaler auf einer Leiter in Neapel singt „O Sole mio“, frei ganz ohne Partitur, wie schon als Kind, jetzt ähnlich wie Caruso damals, und wie Placido Domingo oder Rollando Villazón? Daran denkt er nicht, und das ist auch gut so!

Hasso Bensien, März 2007

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